Herzlich willkommen in der Mauritiuskirche in Ofterdingen!

Bevor Sie die Kirche betreten haben, ist Ihnen bestimmt der markante Turm aufgefallen. Zinnen an einem Kirchturm sieht man selten. Das kommt daher: Der Turm ist deutlich älter als die Kirche. Ursprünglich war es ein Wehrturm – der Eingang war in luftiger Höhe, da etwa, wo auch die Jahreszahl steht: knapp oberhalb des ersten Gesimses Richtung Glaserei. Dort steht die Zahl AD (Jahr des Herrn) MCCCCLX, also 1460. Die Burg des Geschlechts der Herters aus Dusslingen wurde zusammen mit dem gesamten Dorf wenige Jahre später ans Kloster Bebenhausen verkauft. Die Kirche war noch nicht im Dorf, sondern auf dem Berg, wo bis heute der Friedhof ist. Dort war eine „Beginen-Klause“, wo also Frauen in klosterähnlicher Gemeinschaft lebten und diakonische Aufgaben im Ort übernahmen.

 

Über der Kirchentür steht auf dem imposanten Grundstein das Datum des Baubeginns der Mauritiuskirche: der 10. Juni (= Brachmonat) 1522. Bauherr war das Kloster Bebenhausen. Bereits vierzig Jahre vorher war der Wehrturm auf 45 m erhöht und als Kirchturm umgestaltet worden. Die Glocken wurden um 1502 gegossen und eingebracht. Eine läutet treu seit jener Zeit! Auf dem Turm ist in der „Turmzier“ das „Totenglöckchen“, das bis heute von Hand geläutet wird.

 

Im Erdgeschoss des Turms befindet sich eine Kapelle mit Netzgewölbe. Der Eingang ist neben der Kanzeltreppe. Dieser Raum wird derzeit für die Taizé-Andachten genutzt. Für Kleinkinder ist während der Gottesdienste  eine Spielecke eingerichtet – der Gottesdienst wird dorthin übertragen.

1534 wurde die spätgotische Kirche mit dem ersten evangelischen Gottesdienst an die Gemeinde übergeben – wenige Wochen zuvor war in Württemberg die Reformation eingeführt worden. Den Umschwung jener Zeit vom katholischen zum evangelischen Glauben kann man wohl kaum greifbarer erleben als in dieser Kirche.

 

Bereits die alte Kirche auf dem Berg war nach dem heiligen Mauritius (Moritz) benannt. Als Zeuge für die alte Kirche steht der Mauritiusstein beim Taufstein. Im Chorgewölbe der Kirche ist Mauritius ebenfalls abgebildet. Er stammte wohl aus Theben (Ägypten) und war römischer Soldat. Um das Jahr 287 wurde er als Märtyrer des christlichen Glaubens getötet, da er sich weigerte, die römischen Götter anzubeten.

Die hochwertige Orgel im Chorraum wurde 1995 von der Schweizer Orgelbaufirma Metzler eingebaut – unter Verwendung des restaurierten Rokoko-Prospekts. Ein Teil der alten Orgel, ein sogenanntes „Rückpositiv“, befindet sich seit 2011 in der Museumsscheune Sattlergasse. Orgelmacher Renkewitz aus Nehren hatte die alte Orgel in den 1950er-Jahren nochmals renoviert und erweitert. Besonders den sogenannten „Zimbelstern“, der sich nur an den Weihnachtsgottesdiensten drehte,  hatte die Bevölkerung ins Herz geschlossen.

 

Das Chorgestühl war ursprünglich in der Bergkirche aufgestellt für die Beginen. Die Flachrelief-Schnitzereien (um 1500) zeigen vor allem Blumenornamente und Fabeltiere, die an Fische erinnern.

 

Das imposante Netzgewölbe des Chores hat als Schlusssteine:
Johannes den Täufer (mit Lamm)
Mauritius (mit Schild und Fahne)
Maria mit Jesus (mit roter Rose),
dazu die Apostel Petrus (mit Schlüssel) und Paulus (mit Schwert).

 

In der Sakristei – ebenfalls mit Netzgewölbe geziert -  steht ein gotischer Schrank (um 1500), eine eiserne Truhe (evtl. der Kasten der Heiligenpflege) und vier Tafeln mit den Namen der Ortspfarrer seit der Reformation. Die Malerei der Sakristei (von 1601, Anton Ramsler) entspricht der früheren Gestaltung des Kirchenschiffs.

 

Die Kanzel stammt aus der Gründungszeit der Kirche. Die vier Evangelistengestalten an der Brüstung wurden aber wohl erst 1936 von W. Fehrle aus Schwäbisch Gmünd gestaltet.

 

Die große Empore wurde wenige Jahre nach dem dreißigjährigen Krieg in die Kirche eingezogen. Die farbenkräftige Malerei zeugt vom aufblühenden Lebensgefühl nach dem  Elend des Krieges.

Beim Taufstein (von 1779) wurde 1987 von Anne-Dore Kunz-Saile ein Kirchenfenster als Tauffenster gestaltet. Der in den USA lebende Egon Haldenwang stiftete dieses Fenster seiner Heimatkirche. Es zeigt unten die Taufe Jesu im Jordan mit der Taube als Zeichen des Heiligen Geistes (Matthäus 3, 16). Darüber ist das himmlische Jerusalem (Offenbarung 21) mit Jesus, dem Lamm Gottes, in der Mitte. Von dort fließen Ströme des lebendigen Wassers. Symbole der Schöpfung sind im Maßwerk zu sehen. In den runden Bildern erkennt man die Rettung Moses (2. Mose 2), die Heilung des Naemann (2. Könige 5), darüber Jesus mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4) und die Taufe des Äthiopiers durch Philippus (Apostelgeschichte 8).

 

Gegenüber hängt das „Epitaph“, also das Totengedenkbild, für Pfarrer Johann Philipp Gräter, der hier 1712 verstarb. Solche Darstellungen sind im evangelischen Württemberg sehr selten.

Die Mauritiuskirche ist nicht nur markantes Bauwerk und Mittelpunkt Ofterdingens. Diese Kirche ist vor allem ein Ort, wo bereits viele Generationen vor uns die Gegenwart Gottes gefeiert haben. Hier haben zahllose Menschen Freude und Leid des Lebens im christlichen Glauben und in der Gemeinschaft geteilt und gemeinsam gebetet.

 

Darum, wenn Sie Gelegenheit haben, in unsere Kirche zu kommen: Nehmen Sie sich doch nach der Betrachtung der Kunst noch ein wenig Zeit! Setzen Sie sich still in eine der Bänke oder ins Chorgestühl. Wenn Sie etwas zur Ruhe gekommen sind, meditieren Sie vielleicht den Satz:


„Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten!“

 

Nehmen Sie diese Erfahrung mit in den Alltag!

 

Herzlich, Ihr