28.06.20

Gottesdienst zum Selberfeiern

https://www.mauritiuskirche-ofterdingen.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_ofterdingen/pdf/2020_06_28_Gottesdienst_zum_Selberfeiern.pdf

Glockenläuten
Votum
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Begrüßung und Eröffnung
Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lk 19,10)
Liebe Gemeinde zuhause! Mit dem Wochenspruch aus dem Lukasevangelium grüße ich Sie herzlich heute zum Gottesdienst! Wir freuen uns heute wieder über tolle musikalische Unterstützung von Luzy und Ida.
Heute geht es um ganz bestimmte Lasten, die wir mit uns herumschleppen. Ob und wie wir die loswerden können, dazu nachher mehr.
Wir wollen beten mit Worten aus Psalm 103.

Psalm 103,1-13 (EG 742)
Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht,
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der Herr schafft Gerechtigkeit
und Recht allen, die Unrecht leiden.
Er hat seine Wege Mose wissen lassen,
die Kinder Israel sein Tun.
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.


Gebet und Stilles Gebet
Gott, unser Vater,
noch bevor wir dich suchen, bist du da. Wo wir auch sind, du bist uns nahe.
Lass uns darauf vertrauen, und begegne uns auch heute, im Gottesdienst und in unseren Mitmenschen.
Was uns beschäftigt und belastet, was uns freut und uns Hoffnung macht, all das bringen wir vor dich, beten miteinander und füreinander in der Stille.
Stille
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. Amen.

Lied: EG 611 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

Ich lobe meinen Gott, der mir den neuen Weg weist, damit ich handle.
Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede.
Refrain: Ehre sei Gott…
Ich lobe meinen Gott, der meine Tränen trocknet, dass ich lache.
Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich lebe.
Refrain: Ehre sei Gott…
Predigt
„Da trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ (Matthäus 18,21f). 490 Mal also soll ich meinem Bruder vergeben, wenn er mein Fahrrad zu Schrott fährt, mich verrät, mich auslacht, mich anlügt und zu mir sagt: „Das kannst du nicht!“… Alles das soll ich vergeben?
Vergeben ist schwer. Das heißt ja auch irgendwie: auf etwas verzichten, auf das ich ein Recht habe: jemand hat mir etwas genommen, hat seinen Vorteil aus mir gezogen, sich aus mir einen Spaß gemacht – warum sollte ich ihm die Last seiner Schuld, seines Versagens nehmen? Er hat sie sich selbst zuzuschreiben!
Doch auch Nicht-Vergeben ist schwer. Das heißt nämlich: ich muss auch etwas tragen: die Last meiner Verletzung, die Last der Aufrechnung: ich halte sie fest, nehme sie überallhin mit.
Ich trage heute auch eine Last. Sie ist unter dem Talar vermutlich kaum zu sehen: das sind Fitness-Gewichte, für die Handgelenke und die Fußgelenke. Damit kann man trainieren, oder man kann sie, wie ich heute, einfach immer mit sich herumschleppen. Irgendwie gewöhnt man sich daran und man merkt sie kaum, aber immer wieder doch, vor allem wenn ich auf einem anstrengenden Weg bin, oder wenn ich noch mehr Gewicht trage, wenn mich noch mehr drückt, wenn ein Berg vor mir liegt. Und je mehr ich trage, desto schwerer wird es.
Es war einmal vor ungefähr 2700 Jahren, in der Hügellandschaft zwischen Jerusalem und dem Meer, der Schefela. Dort gibt es einige Städte, doch ansonsten ist die Gegend vor allem landschaftlich geprägt. In den Dörfern lebt man von der Arbeit auf dem Feld, von Vieh und Feldfrüchten. Doch eine gierige Elite in der Verwaltungsmacht Jerusalem will immer mehr, sie saugt die einfachen Leute aus: sie betrügen, sind korrupt, und sie werden immer reicher, auf Kosten der Armen, die in die Schuldknechtschaft getrieben werden. Die Last der Abgaben wird immer schwerer, und ebenso die Last der Wut.
Die Stimme dieser Wut wird ein Prophet mit Namen Micha. Seine Worte sind eine große Anklage gegen die Korruption der Eliten, gegen Betrug und Raub, und das mit drastischen Äußerungen. Ich zitiere mal Auszüge:
Ihre Reichen üben nichts als Gewalt, und ihre Einwohner gehen mit Lügen um und haben falsche Zungen in ihrem Halse. (Mi 6,12) Sie begehren Äcker und nehmen sie weg, Häuser und reißen sie an sich, weil sie die Macht haben! (Mi 2,1f) Sie hassen das Gute und lieben das Arge; sie schinden ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen. (Mi 3,2)
Micha ist nicht bereit zuzulassen, dass die Dorfbewohner länger ohnmächtig dabei zusehen müssen, wie ihnen immer mehr Lasten aufgebürdet werden! Er klagt an, und er prophezeit: All denen, die das Recht verdrehen und sich nur um sich selbst und das eigene Geld drehen, bekommen die Rechnung präsentiert: Unheil wird über sie kommen, über sie alle.
Unser Predigttext fehlt noch! Er steht am Ende des Michabuches, und das ist es auch, auf was er blickt: auf das Ende. Im Predigttext ist das prophezeite Unheil schon geschehen. Jerusalem ist verwüstet, das Unrecht bestraft worden. Bei all den harten Worten des Propheten wirft Micha aber immer wieder ein Blitzlicht über das angekündigte Gericht hinaus. So verdient es auch ist, es wird irgendwann zu Ende sein. Hier kommt also endlich der Predigttext aus Micha 7 (Mi 7,18-20).
18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Der Predigttext ist der Epilog, der Abschluss dieses großen Dramas: Gott, der schon immer seine Hände über den Seinen gehalten hat, tut das auch jetzt und er wird es in Zukunft tun. Wo Micha sonst in aller Deutlichkeit den Zorn Gottes verkündigt, taucht er hier nur in der Verneinung auf. ja, es gibt ihn, aber er ist endlich, er wird überwunden, hinter sich gelassen.
Wer sind die Sprechenden?
Das sind die Übriggebliebenen: nach einer Zeit der Trauer, der Bedrängnis, der Katastrophen, die über Israel gekommen sind. „Der Rest“ ist ein fester Ausdruck bei den Propheten. Das sind die, mit denen Gott seine Bundesgeschichte immer und für immer fortschreibt, die überleben, die weiter an Gott hängen, die aus dem Exil zurückkehren, Generationen später. Der Rest: das sind die, denen Gott Anteil an seinem Heil gibt. Im Text merkt man: dieser Rest stimmt kein Triumphgeheul an und erhebt sich über die, die nicht dazugehören.
Auch wir als Christen verstehen uns als Teil von diesem Rest, seine Verheißungen gelten uns. Aber das ist kein Grund zur Überheblichkeit, im Gegenteil! Das haben wir nicht im Geringsten verdient! Wir gehören nicht dazu, weil wir einfach schlauer, gewitzter, irgendwie besser waren oder sind als andere, sondern schlicht und einfach, weil Gott es uns geschenkt hat.
Gott vergibt uns also all das Unrecht, das wir verursacht haben. – Zeit sich zu fragen, was „Vergebung“ eigentlich bedeutet.
Das hebräische Wort nasa heißt in der Grundbedeutung: tragen, wegtragen, auf sich nehmen: das ist ein körperlicher Akt - nicht nur ein Herzensanliegen, ein romantisches Gefühl. Da nehme ich etwas und nehme es weg und trage es fort. Ein zweites Wort ist hier übersetzt mit „Schuld erlassen“: das Wort abar bedeutet eigentlich: vorübergehen, übergehen, also: nicht beachten, darüber hinwegsehen. Unsere Schuld wird niedergetrampelt, plattgemacht. Sie wird von unseren Schultern genommen und Gott trägt sie, trägt sie weg, wirft sie fort.
Aber so anschaulich das ist: wie macht ich das?! Wie geht Vergebung?
Kann ich etwas wirklich vergessen, was mit an Verletzung beigebracht wurde? Muss ich das? Eine Verletzung, gerade auch eine innere Verletzung, die tut schließlich weh, und das oft noch eine lange Zeit. Die unterdrückten Bauern in der Schefela, der Hügellandschaft in Israel, werden sicher nicht „Schwamm drüber“ sagen, zumindest nicht, so lange sie weiter so furchtbar behandelt werden.
Und wir wollen nicht vergessen: unser schöner, versöhnlicher Text steht am Ende einer langen und breiten Anklage gegen alle Vergehen gegen die Armen, große Ausführungen, was zu tun ist und bleibt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Mi 6,8)
Dass weiter Unrecht geschieht, das will Gott bei Micha unbedingt verhindern, abwenden! Aber er kann es daneben offensichtlich auch „vergeben“, loslassen. Ein ziemlicher Spagat! Also: vergeben heißt nicht: ignorieren, ausblenden; sondern bewusst sagen: das soll nicht (mehr) mein Leben bestimmen, ich lasse es hinter mir.
Man vergibt ja auch der Person, nicht ihrem „Fehler“, ihrem Verhalten, dem Geschehen. Das wird nicht im Geringsten abgeschwächt: „war ja nicht so schlimm“, sondern in seiner vollen Schwere gesehen – und trotzdem wird mit der Vergebung die Person so angesehen, als wäre ihr diese Schuld gar nicht zu eigen.
Das ist es, ehrlich gesagt, was ich mir auch für mich wünsche. Trotz den besten Absichten verletze ich selbst ja auch immer wieder die Menschen um mich herum: ein unbedachtes Wort reicht da ja oft schon, und wenn dann noch Angst dazukommt, oder Selbstsucht, Ärger, dann passiert so oft etwas, das ich nicht wollte, das anderen wehtut und mir selbst ebenso.
Die Verletzungen, die wir verursachen und die, die uns zugefügt werden, die sind für uns und oft auch unseren Gegenüber eine Last, und damit eine doppelte Last. Vor allem, weil sich Verletzungen nicht einfach ausbezahlen lassen: ein Geldbetrag, Gefängnis, einfach genauso hart zurückschlagen. All das heilt meine Wunde auch nicht, das nimmt mir nicht meine eigene Last. Die schleppe ich schwer mit mir herum.
Unrecht, Schuld, zugefügte Schmerzen: all das hat auch der Prophet vor Augen, und zwar sieht er diese Verletzungen auch bei Gott! Wird seinen Menschen Unrecht zugefügt, tut es auch ihm weh! Er hat es mit Zorn versucht: er bestraft die Übeltäter aufs Schlimmste! Aber die Verletzung ist noch da, sie ist hier ja gegenständlich beschrieben: wie ein Klotz am Bein, eine Last auf dem Rücken.
Erinnern Sie sich noch an meine Fitness-Gewichte? Ich schon, ich spüre sie. Sie ziehen mich nach unten, und wie soll ich mit ihnen am Handgelenk nachher die Arme zum Segen hochbekommen? Ich denke: ich bin besser dran ohne sie. Und ich kann sie auch einfach abnehmen. –
Ganz so einfach ist es mit dem Vergeben leider nicht. Vergeben ist schwer. Aber Nicht-Vergeben ist es auch. Und wie immer, scheitern wir Menschen oft daran.
Natürlich: das Unrecht selbst darf nicht einfach stehenbleiben! Aber es mit uns herumzutragen, das löst es nicht auf, das macht es nicht wieder gut, sondern das wird nur für uns selbst zu einer Last, die uns selbst bedrückt. Vergebung ist auch ein Geschenk, das wir uns selber machen können, so heißt es. Vergebung erleichtert den anderen, aber eben auch mich selbst. Corrie ten Boom hat einmal gesagt: „Wenn wir jemandem vergeben, befreien wir einen Gefangenen, und wir entdecken, dass wir der Gefangene waren!“
Wir können Gott nicht nur unsere eigenen Verfehlungen überlassen und das, wo wir an uns selbst verzweifeln. Wir können ihm auch das überlassen, das uns belastet, obwohl es eigentlich nicht unsere Schuld, unsere Last ist, sondern die der anderen. Gott kann es wegtragen, er kann es im Meer versenken, er kann darüber hinwegsehen, er sieht den Menschen dahinter. Ich nehme mir vor, das auch zu versuchen.
Siebenmal siebzigmal, 490 Mal vergeben?! Damit haben wir jede Menge Gelegenheiten zu üben. Und dabei helfe uns Gott!
Und der Friede Gottes, der Höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbittgebet und Vaterunser

Großer Gott,
du siehst, was andere nicht sehen können. Du siehst unsere Wunden und unsere Narben, du siehst, was wir mit uns herumschleppen.
Manches belastet uns und wir werden es nicht los: wir tragen es anderen nach, wo sie uns verletzt haben; und wir tragen schwer an unserer eigenen Schuld.
Bitte hilf uns loszulassen, zu vergeben. Und bitte vergib auch uns, wo wir anderen wehgetan haben. Mach uns frei von allem, was uns belastet!
Schenke uns und allen Menschen einen Blick für das Unrecht, das geschieht! Hilf uns, es nicht einfach zu akzeptieren und etwas dagegen zu tun.
Danke, Gott, für deine Großmut! Dir wollen wir vertrauen und beten weiter mit den Worten Jesu: Vater unser…

Lied: WWDL plus 28 Du hast Erbarmen

Ansagen
Das heutige Opfer wird für die eigene Gemeinde erbeten.
Am Mittwoch 19.30 Uhr Taizé-Andacht im Chorraum der Kirche mit gemeinsamem Abschluss auf dem Kirchplatz
Nächsten Sonntag, 5. Juli 10.00 Uhr Gottesdienst mit Pfr. Fabian Kunze
Sonstiges: Vom 2.-4. Juli findet die Sommertagung der Landessynode in Stuttgart statt
Kasualien: Aus unser Gemeinde ist verstorben:
Ingrid Futter geb. Hemminger, Hinterwiesenstr. 6 im Alter von 81 Jahren. Die Trauerfeier war am vergangenen Dienstag 23. Juni im engsten Familienkreis hier in Ofterdingen.
Wir befehlen sie Ihrer Fürbitte an und beten: „Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Römer 14,8)
Ewiger Gott, wir wissen die Verstorbene bei dir geborgen.
Tröste alle, die um sie trauern und schenke ihnen Kraft für alles, was vor ihnen liegt. Amen.

Segen
Gehen wir in diesen Tag und in die kommende Woche unter dem Segen unseres Gottes.
Der HERR segne uns und behüte uns,
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig,
der HERR erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.