11.11.20

Impuls zur Wochenmitte

Impuls zur Wochenmitte: „Blickrichtungen“ - Lautmalerei 15: Der Blick nach LINKS
https://www.mauritiuskirche-ofterdingen.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_ofterdingen/pdf/Lautmalerei_15_-_Blick_nach_LINKS.pdf

Nun werfen wir einen Blick auf die Seite. Genauer: nach links. Meistens stehen wir ja nicht allein auf weiter Flur, sondern können neben uns unterschiedliche Personen und Dinge entdecken. Manche davon sind hilfreich und eine Unterstützung (dazu nächste Woche mehr), manches lenkt uns aber auch ab, lässt uns falsch abbiegen, stolpern, vom Weg abkommen. Dass wir auf dem rechten Pfad bleiben sollen, daran erinnern uns zahlreiche Bibelverse, zum Beispiel Josua 1,7: Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken. Wenn das nur mit den Wegen immer so klar und einfach wäre!
Als Musikbeispiel dient uns diesmal eine Nebenhandlung aus der Oper „Carmen“ von Georges Bizet. Dort ist Don José zerrissen zwischen seinem Pflichtbewusstsein und eifersüchtiger Begierde, die ihn ins Verderben zu reißen droht. Die unschuldige Micaëla ist in Don Jose verliebt und versucht ihn auf den rechten Pfad zurückzubringen. Sie wagt sich ins düstere Gebirge zu den Schmugglern, um Don José zurück zu seiner kranken Mutter und zurück auf den rechten Weg zu bringen. In der Arie Je dis que rien ne m'épouvante (https://www.youtube.com/watch?v=lnj8A7gw4QM) offenbart sie ihre große Furcht. Sie bittet Gott um Mut, sie vertraut sich ihm an und überwindet schließlich ihre furchtbare Angst. Das tragische Ende der Oper kann sie damit aber leider nicht verhindern, Don José bleibt auf seinen Abwegen und findet nicht auf den rechten Weg zurück. Der rechte Weg wird damit gezeichnet als ein Weg der Pflichterfüllung, aber auch von Selbstlosigkeit, Mut und Gottvertrauen. Der Blick richtet sich dabei nicht auf sich selbst und das eigene Begehren, sondern auf Gott und die Mitmenschen.
In den Evangelien haben wir zahlreiche Geschichten der Jünger, die eigentlich ständig vom Weg abkommen, Angst bekommen oder das Eigentliche aus den Augen verlieren. Zwei Geschichten mit demselben Grundproblem haben wir in Markus 9/10: Und sie kamen nach Kapernaum. Und Jesus fragte sie: Was habt ihr auf dem Weg besprochen? Sie aber schwiegen; denn sie hatten miteinander besprochen, wer der Größte sei. Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener. (Mk 9,33-35) Da sprachen Jakobus und Johannes zu ihm: Meister, gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Zu sitzen zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,35-45, gekürzt)
Gemeinsam sind sie alle unterwegs, und doch hat jeder auch ein eigenes Ziel, möchte groß sein, und vor allem: größer als die anderen. Jakobus und Johannes wollen zudem die große Ehre, links und rechts von Jesus zu sitzen. Dass sie sich mit diesem Begehren eigentlich ein Stück von ihm entfernen – und nebenher ihre Freunde wütend machen –, haben sie da gar nicht bemerkt. Denn darum geht es nicht! Es geht Jesus ums Dienen, ums füreinander Dasein: sich selbst zurücknehmen, um das eigentliche Ziel zu erreichen. Die beiden blicken für einen Moment – in unserem Bild – nach links statt nach vorne. Jesus rückt das wieder gerade, richtet ihren Blick wieder aus. Das beste Vorbild dafür ist er selbst: er ist der Größte unter ihnen und doch gibt er alles, was er ist und hat, für seine Freunde.
Doch wie erkennt man denn den „rechten Weg“? Wie bleibt man darauf oder kehrt wieder dahin zurück? Da kann man sich glücklich schätzen, wenn man Freunde hat, die einen daran erinnern; die einem den Kopf zurechtrücken, wenn man doch wieder nur an sich selber denkt. So, wie es Micaëla versucht. Sie scheitert zwar daran, und auch Jesu Worte und sein Beispiel sind nicht so nachhaltig, wie man hoffen sollte. Die Jünger werden noch häufig falsch abbiegen und das Ziel aus den Augen verlieren. Ein Glück, dass es Jesus nicht bei guten Worten belassen hat! Er ist uns vorausgegangen. Dazu ist er überhaupt zu uns gekommen und für uns gestorben und auferstanden: dass uns selbst unsere Umwege zu seinem Ziel hinführen können. Das Ziel kommt uns entgegen!
Wenn mir einmal auffallen sollte, dass mich meine Selbstbezogenheit von einem guten Weg abbringt, will ich mir Jesu Worte in Erinnerung rufen: Wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Und wenn ich unsicher und verzagt sein sollte, dann will ich mir Jesu Handeln vor Augen stellen: der Größte macht sich klein, damit ich mich nicht in meinen Umwegen verliere. Mit ihm an meiner Seite führt mich selbst der falscheste Weg zum rechten Ziel.