02.12.20

Impuls zur Wochenmitte

Impuls zur Wochenmitte: „Blickrichtungen“ - Lautmalerei 17: Der Blick nach UNTEN
https://www.mauritiuskirche-ofterdingen.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_ofterdingen/pdf/Lautmalerei_18_-_Blick_nach_UNTEN.pdf

Wie aus dem Nichts. Gerade herrschten noch Frieden und Ruhe, und dann: „Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.“ So die erschütternde Erinnerung des jungen Johann Wolfgang von Goethe, der als 6jähriger vom Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 gehört hatte (dazu auch das Bild mit sehr anschaulichen Eindrücken). Ein großer Teil der damals vernetzten Welt verfolgt entsetzt das Geschehen. Das Erdbeben bringt noch mehr als nur die Erde ins Wanken. Es fegt über den ganzen Erdball hinweg, es erschüttert die Grundfesten von fast allem: auch der Glaube an einen gütigen Gott und die bisher angesehenen und verbreiteten philosophischen Ansätze der Zeit: alles steht in Frage. Nichts ist mehr sicher, alles stürzt in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Was, wenn alles, auf was wir uns bisher verlassen konnten, plötzlich nicht mehr sicher ist? Wenn unser Ankerpunkt im Leben weg ist: ein geliebter Mensch nicht mehr da ist, oder unsere großen Konstanten im Leben nicht so ewig halten, wie es uns vorkam? Wenn ewige Freundschaften, wenn das, auf was wir immer bauen konnten, plötzlich doch nicht mehr so fest hält wie gedacht? Eine Beziehung geht in die Brüche, wir müssen unser Haus oder unsere Wohnung verlassen, oder auch: Dinge, auf die wir uns immer verlassen konnten, scheinen plötzlich nicht mehr zu funktionieren. Wir werden enttäuscht, allein gelassen, müssen unseren Alltag ganz neu finden.
Wir werden einen Blick nach unten, auf den Boden unter unseren Füßen. Wir bauen unser Leben auf gewissen Dingen auf, die unser Fundament bilden: Familie und Beziehungen, Glauben, und auch andere Grund-Gedanken/Annahmen: was uns ausmacht und was uns wichtig ist – „woran unser Herz hängt“, so hat Martin Luther das genannt. Manchmal bebt auch dieser Boden, manchmal steht alles in Zweifel. Was hält dann? Was ist ein sicheres Fundament?
Dem Beter von Psalm 69 reißt es den kompletten Boden unter den Füßen weg. Seine Verzweiflung ist mit den Händen zu greifen: Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott. Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupt habe. Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen. Lass nicht zuschanden werden an mir, die deiner harren, Herr! Ich bin fremd geworden meinen Brüdern. Ich weine bitterlich und faste, und man spottet meiner. Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den tiefen Wassern; dass mich die Wasserflut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge. Erhöre mich, HERR, denn deine Güte ist tröstlich; wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knecht, denn mir ist angst; erhöre mich eilends. Nahe dich meiner Seele und erlöse sie. Du kennst meine Schmach, meine Schande und Scham. Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine. Ich bin elend und voller Schmerzen. Gott, deine Hilfe schütze mich! Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied und will ihn hoch ehren mit Dank. Die Elenden sehen es und freuen sich. Die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf! Denn der HERR hört die Armen und verachtet seine Gefangenen nicht. (Psalm 69, gekürzt)
Allein das Gebet hat der Psalmbeter noch. Die Hilfe ist noch fern, und er hat immer noch keinen Grund unter den Füßen. Allein die Frage, die Suche bilden für ihn noch ein Fundament, dass er nicht völlig versinkt. Immer wieder taucht es unverhofft auf, mitten im tiefsten Leid schwirrt ein tröstlicher Gedanke oder eine Hoffnung vorbei. Der Beter wendet sich mit all dem an seinen Gott. Ruft er ins Leere? Nein! Er fühlt zwar keinen Boden unter den Füßen, aber er wirft all sein Empfinden seinem Gott an den Kopf, selbst wenn er ihn gerade nicht sehen kann.
Reicht das? Eine Antwort auf all die Fragen und (An-)Klagen ist das nicht, nicht im Mindesten. Aber es ist ein Trost: Gott kennt all meine Sorge, meine Schande und Scham. Und Gott hört. Meine Schreie haben eine Adresse, und dort kommen sie auch an. Ich hoffe und wünsche uns, dass wir dieses Fundament unter unseren Füßen immer wahrnehmen können! Dass unser Schreien immer seine Adresse hat! Und dass der Boden wächst und fester wird als dieses Allermindeste. Dass der Blick nach unten damit keinen Schrecken auslöst, sondern Ruhe und Trost.

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