Der heruntergekommene Gott

Wenn einer ziemlich heruntergekommen ist, machen wir leicht einen Bogen um diese Person. Gott hätte das gut auch so machen können, aber er wollte es anders:
 
„Ein König verliebte sich in ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen ohne adeligen Stammbaum und ohne Bildung. Sie lebte in einer armseligen Hütte und führte das Leben einer Bäuerin. Aber der König verliebte sich in diese Frau, wie es Könige eben manchmal tun. Und er konnte nicht aufhören sie zu lieben.

Aber dann machte sich im Herzen des Königs ein Besorgnis erregender Gedanke breit. Wie konnte er dieser Frau seine Liebe offenbaren? Wie konnte er die Kluft zwischen ihnen überbrücken?

Seine Ratgeber sagten ihm natürlich, er solle ihr befehlen seine Frau zu werden. Denn er war ein Mann, der unendlich viel Macht besaß – jedermann fürchtete seinen Zorn, alle Nachbarstaaten zitterten vor ihm, jeder Mann im Hof warf sich in den Staub vor der Stimme des Königs. Die Frau wäre ihm ewige Dankbarkeit schuldig gewesen. Er konnte ihr befehlen, in seinem Palast anwesend zu sein. Aber Macht kann Liebe nicht erzwingen. Er könnte sich ihren Gehorsam sichern, aber erzwungene Unterwerfung war nicht, was er wollte. Er sehnte sich nach Vertrautheit. Alle Macht der Welt kann die Tür eines Herzens nicht aufschließen.

Der König könnte die Frau in den Adel erheben, sie mit Geschenken überschütten, in Purpur und Seide kleiden, sogar zur Königin krönen lassen. Wie könnte er dann jemals wissen, ob sie ihn um seiner selbst willen liebte oder um all dessentwillen was er hatte und ihr gab? Würde sie genug Vertrauen aufbringen, um zu vergessen, was der König zu vergessen wünschte, nämlich dass er der König und sie ein armes Bauernmädchen war?

Es gab nur eine Alternative, wie er sein Ziel erreichen konnte: Der König verließ seinen Thron, setzte seine Krone ab, legte sein Zepter weg und zog seinen Purpurmantel aus. Er wurde selbst zum Bauern. Er nahm nicht nur die äußere Gestalt eines Bauern an, sondern sein ganzes Leben, sein Wesen, seine Last.

Gott kam in die Welt. Er erniedrigte sich selbst, um die Liebe der Menschen zu gewinnen. Er ist wahrhaft ein heruntergekommener Gott, der am Ende verspottet, mit einem purpurnen Gewand bekleidet und mit einer Krone aus Dornen gekreuzigt wurde. Von allen Göttern und Mythen, aus der Literatur und Religionen, ist dies der einzige Gott, der heruntergekommen ist."

(zitiert aus: John Ortberg, Die Liebe, nach der du dich sehnst)
 
“Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.” So formuliert es der Prophet Sacharja.

Ich wünsche Ihnen in dieser Advents- und Weihnachtszeit, dass Sie diesen heruntergekommen Gott (neu) entdecken!
 
Ihr Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien