
Abschiede tun weh.
Je länger und endgültiger, um so mehr.
von Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien

Die Jünger sitzen mit Jesus zusammen – und er sagt: es ist das letzte Mal! Dabei ist er nicht von einer Krankheit gezeichnet, sondern er weiß, dass er umgebracht werden wird!
Rund drei Jahre hatten sie miteinander verbracht, meist Tag und Nacht.
Das ist ja alles grausam genug, doch wenn er jetzt auch noch sagt:
„Erschreckt nicht!“, klingt das wie blanker Hohn.
Das mutet die Jahreslosung für 2010 uns zu.
Das mutet Jesus damals seinen Jüngern zu.
Immer wieder hatte er versucht, seine Jünger auf den unausweichlichen Abschied vorzubereiten. Haben sie die Dimension dieser Ankündigungen überhaupt erfasst? Jeder hat seine eigene Art und Weise damit umzugehen:
Einer sucht die unmittelbare Nähe Jesu und rückt ganz dicht an ihn heran.
Ein anderer verlässt enttäuscht die Runde, um Jesus an die zu verraten, die ihm nach dem Leben trachten.
Es gibt sogar welche, die darüber in Streit geraten, wer von ihnen denn wohl der Größte sei.
Andere rätseln, wohin Jesus nun gehen wird und verstehen überhaupt nicht, warum sie ihn nicht begleiten können.
Einer verspricht sogar, sein Leben für Jesus zu lassen und bekommt die niederschmetternde Antwort: „Du wirst mich verleugnen."
Was diese unterschiedlichen Menschen verbindet, ist einerseits Jesu uneingeschränkte Liebe zu ihnen, die er ihnen vorgelebt hat und von der er eben noch ganz eindrücklich gesprochen hat.
Das andere was sie verbindet ist Angst, Schrecken und Hilflosigkeit gegenüber dem unausweichlichen Abschied.
„Lasst euch nicht erschüttern und durcheinanderbringen, erschreckt nicht!" Ohne große Umschweife leitet Jesus mit dieser Aufforderung das letzte gemeinsame Gespräch vor seinem Leiden und Sterben ein.
Es ist durch und durch geprägt von seiner Liebe und Fürsorge.
Wie sollen sie denn ohne ihn weiterleben?
Jesus nachzufolgen hat für sie bedeutet, ihr bisheriges Leben mit seinen Sicherheiten aufzugeben. In der Gegenwart Jesu waren sie rundum versorgt. Herz, Leib und Seele waren bei ihm in besten Händen.
Jesus sieht, was die Jünger noch gar nicht im
Blick haben: sie werden nach seinem Tod vollends die Orientierung verlieren, sich allein gelassen fühlen. Herausgerissen aus der Geborgenheit bei ihm werden sie der Kälte und dem Dunkel der Welt ausgesetzt sein. „Euer Herz erschrecke nicht!"
Jesus weiß, wovon er spricht. Auch er kennt Ängste und ihre lähmende Macht. Vieles, womit er sie im Vorhinein trösten möchte, werden die Jünger erst viel später verstehen.
Trotzdem gibt er ihnen überlebenswichtige Worte mit auf den Weg. Worte, an die sie sich halten können, wenn sie in Angst und Schrecken geraten: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!"
Ohne diesen Nachsatz fehlt Entscheidendes.
Einem Kind in einer schlimmen Situation zu sagen: „Hab' keine Angst", muss es nicht zwangsläufig trösten.
Aber das Versprechen seiner Eltern: „Vertraue uns, wir lassen dich nicht allein und gehen mit dir."
Das erschrockene Herz in dem Bild besteht aus zwei Hälften: einer dunklen, die einen schwarzen Schatten wirft, und einer hellen, die sich in Licht aufzulösen scheint. Mitten hindurch: das Kreuz mit einer angedeuteten Krone - Zeichen des Todes und der Auferstehung.
Es scheint, als ob das Kreuz eine Tür in eine andere Wirklichkeit aufstößt.
Das Dunkel der linken Bildhälfte nehmen wir wahr, doch wird unser Blick durch die Ausrichtung des Kreuzes nach rechts oben, ins Licht, gezogen.
Jesus stößt diese Tür für seine Jünger schon ein wenig auf. Er wird den Weg zum Vater bereiten und für eine Wohnung im Himmel sorgen!
Er allein kennt den Weg vom Dunkel der Angst in die Geborgenheit im Licht Gottes.
So finden wir in dem Bild der Belsener Künstlerin Stefanie Bahlinger vieles von dem wieder, was Jesus für uns sein möchte:
Das Licht,
die Tür,
der Weg,
die Wahrheit,
die Auferstehung und das Leben.
Das Leben! -
Doch wie sieht unsere Wirklichkeit aus?
Das Herz ist zweigeteilt.
Nicht immer strotzen wir vor Glaubenszuversicht und Mut.
Erst recht nicht angesichts von Abschied und Tod.
Jesus kennt unser Herz mit seinen Zweifeln und Ängsten.
Er will darin Einzug halten:
Mitten im Herz ist das Kreuz.
Weil Jesus mittendrin ist, geht sein Aufruf nicht ins Leere:
„Euer Herz erschrecke nicht,
glaubt an Gott und glaubt an mich!"